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Schwul in Vietnam: Auf dem Weg zum ‚LGBTQ+ Paradies‘

Schwul in Vietnam: Auf dem Weg zum ‚LGBTQ+ Paradies‘

Dass sichtlich wenig Budget für die Produktion zur Verfügung gestanden hat, schien wirklich niemanden gestört zu haben, als die Serie My Best Gay Friends im Jahr 2013 auf YouTube anlief. Innerhalb kürzester Zeit erreicht die Serie Millionen Views. Und das, obwohl Homosexualität im Jahr 2002 noch von einem nationalen Fernsehsender als soziales Übel bezeichnet wurde, vergleichbar mit Prostitution und illegalem Glücksspiel. Um zu verstehen, wie sich die Situation für die LGBT-Gemeinschaft in Vietnam verbessert hat, genügt ein Blick in die Nachbarländer. In Südostasien ist Homosexualität vielfach noch illegal und wird als Krankheit oder Bestrafung für Sünden in einem früheren Leben verstanden. Doch die LGBT-Aktivisten in Vietnam haben ihren eigenen Weg gefunden, um die Lage für die Community zu verbessern. Couple of Men Reporterin Sarah war als allein reisende Frau in dem asiatischen Land unterwegs und hat sich ein Bild über die Lage der LGBTQ+ Community in Vietnam machen können. Nach Georgien, dem Libanon, Myanmar und Russland analysiert sie nun das Land zum Thema Schwul und LGBTQ+ in Vietnam für Couple of Men.

von Sarah Tekath

Lage der LGBTQ+ Community weltweit: Where to be gay?

Schwul in Vietnam Gay in Vietnam rainbow flag smiling girl pride © ICS Ho Chi Minh City
Schwul in Vietnam – Lachende Gesichter hinter einer Regenbogenfahne © Hanoi Pride

Schwul in Vietnam: Rechtliche Lage der LGBTQ+

Verglichen mit anderen Ländern in Südostasien ist die rechtliche Situation von LGBTQ+ in Vietnam entspannt, denn Homosexualität ist nicht strafbar und auch wenn keine gleichgeschlechtliche Ehe gestattet ist, so sind Partnerschaften trotzdem möglich. Dies jedoch erst seit 2013. Vorher war es üblich, dass bei Hochzeitsfeiern und Partys zu Beziehungsjahrestagen die Polizei erschien, um Bußgelder zu erheben, weiß Hoang Giang Son, Gender Justice Program Coordinator bei ISEE, einer im Jahr 2007 gegründeten NGO in Hanoi, die sich für die Rechte von Frauen, LGBT und ethnischen Minderheiten einsetzt.

Der Aktivist setzt sich seit 3,5 Jahren für die LGBT-Community ein, auch wenn er in seiner eigenen Vergangenheit wenig mit Diskriminierung konfrontiert wurde. „Mir ist aber klar, nur weil ich Glück hatte, muss das nicht bei jedem so sein. Daher halte ich es für wichtig, sich für die gute Sache einzusetzen und die Community zu stärken. Schließlich gibt es immer noch sehr viel Unverständnis und Diskriminierung im Land – zum Beispiel von Familien oder Lehrern.“

A Gay Kiss during our Gay Travels to Spain | Spartacus Gay Travel Index 2020 © Coupleofmen.com

Gay Travel Index 2020/21

Die jährlich aktualisierte Rangliste des Gay Travel Index für 2021 von Spartacus informiert Reisende über die Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in 202 Ländern und Regionen verteilt auf die ganze Welt. Welche Länder sind schwulenfreundlich? Wo müssen LGBTQ+ Reisende besonders aufpassen?

Spartacus Index Platzierungen >

Im selben Jahr 2013 lief landesweit die Kampagne I do, abgekürzt für ‚I do agree with same-sex marriage‘ (dt.: ich bin für gleichgeschlechtliche Ehe) der NGO ICS in Ho-Chi-Minh-City. Ngo Le Phuong Linh ist Leiterin der Organisation und spricht von einem riesigen Erfolg. „Wir konnten sowohl bekannte Persönlichkeiten und Influencer als auch Personen, mit denen sich viele identifizieren können, als etwa Straßenverkäufer, für unsere Sache gewinnen.“ In Folge der Aktion habe die örtliche Regierung das legale Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen aufgehoben. Eine offizielle Anerkennung erfolgte trotzdem nicht.

Auch Antidiskriminierungsgesetze sind nicht gegeben. Hochzeiten etc. sind mittlerweile (ohne legales Fundament) gestattet, Adoptionen beispielsweise sind aber immer noch nicht möglich. „Auch wenn es noch nicht ideal ist, so war 2013 doch ein Riesenschritt“, sagt Hoang Giang Son. „Der nächste Schritt ist nun die offizielle Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen.“ Dafür sei von ICS auch schon eine Kampagne in Arbeit, sagt Ngo Le Phuong Linh.

Schwul in Vietnam Karl in front of the Ho Chi Minh statue outside Ho Chi Minh City People's Committee | Top Highlights Best Photos Gay Couple Travel Vietnam © CoupleofMen.com
Karl in front of the Ho Chi Minh statue outside Ho Chi Minh City People’s Committee © Coupleofmen.com

Fakten sammeln, um die Situation weiter zu verbessern

Aktuell laufen zwei Langzeitumfragen von ISEE, um die derzeitige Lage von Mitgliedern der LGBT-Community in Vietnam zu erheben. Damit soll belegt werden, wie viele gleichgeschlechtliche Paare wirklich offiziell heiraten wollen und wie groß der Bedarf wirklich ist. Denn derartige Fakten seien nötig, um der Regierung die Notwendigkeit von Änderungen deutlich zu machen. „Ohne belegbare Zahlen und Fakten passiert hier gar nichts“, weiß Hoang Giang Son. Weiter werden die öffentliche Meinung und gesellschaftliche Akzeptanz erfragt. Auf Basis dessen soll in den Jahren 2022/23 weitere groß angelegte Kampagnen entstehen.

Aber auch das religiöse Fundament Vietnams, mit einer buddhistischen Mehrheit, wirkt förderlich für die Arbeit der Aktivisten. „Im Buddhismus geht es um Toleranz“, erklärt Hoang Giang Son. „Selbst, wenn jemand anders ist, geht es darum, diesen Menschen zu verstehen und zu akzeptieren.“

Schwul in Vietnam Gay in Vietnam rainbow mobile with Vietnamese Drag Queen © ICS Ho Chi Minh City
Schwul in Vietnam – Mit dem Regenbogen-Mobil unterwegs: Vietnamesische Drag Queen © Hanoi Pride

Durch Anteilnahme die Unterstützung der Bevölkerung gewinnen

Wichtige Arbeit zur Verbesserung der Situation für die LGBT-Community in Vietnam habe ISEE auch in Sachen Medien geleistet, sagt Hoang Giang Son. So wurden 2011/12 Trainings und Workshops mit Journalisten durchgeführt, um ein Verständnis dafür zu erreichen, dass negative Schlagzeilen und tendenziöse Nachrichten im schlimmsten Fall Menschen in Gefahr bringen können. Denn gerade in der Vergangenheit, als Social Media nach am Anfang stand, sei so durch die Medien ein negatives Bild Homosexueller entstanden.

Anstatt also die LGBT-Community mit negativen Nachrichten zu verbinden, wie etwa unbeabsichtigt durch Kampagnen anderer NGOs in den frühen 2000er-Jahren zum Thema HIV-Prävention, läge nun den Fokus darauf, bei der Bevölkerung Verständnis für die täglichen Probleme, Sorgen und Diskriminierungen der LGBT-Community zu erreichen. „Wir sind alle Bürger dieses Landes. Warum sollten wir so behandelt werden und warum sollte so etwas Schönes wie Liebe zu so etwas Schlimmen wie Selbstmord führen müssen?“ Gerade für derartige Aussagen sei die vietnamesische Bevölkerung zugänglich und reagiere mit Anteilnahme, Mitgefühl und Empathie, erklärt Hoang Giang Son. So könnten sich beispielsweise viele mit der Geschichte einer Mutter identifizieren, die erst ein Problem mit dem Coming-out ihres Sohnes hatte, aber nun mitansehen muss, wie er Diskriminierungen ausgesetzt ist und daher befürchten muss, dass er Selbstmord begehen könnte.

Schwul in Vietnam Gay in Vietnam LGBTQ+ Gay Pride in Vietnam © ICS Ho Chi Minh City
Schwul in Vietnam – Mit Spaß und Stolz dabei: LGBTQ+ Pride in Vietnam © Hanoi Pride

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von LGBT-Filmen, Serien, Musik-Videos und Dokumentationen, wie etwa die preisgekrönte Arbeit ‚Madam Phung’s Last Journey‘ (2014) über eine Transgender-Band von Tham Nguyen Thi.

Weiter zeige sich die Unterstützung innerhalb der Community selbst, aber auch von außerhalb, verstärkt in den sozialen Medien, indem schwulenfeindliche Kommentare oder Beiträge gemeldet und nicht selten mit einem Shitstorm beantwortet werden.

Gay in Myanmar, also known as Birma in Asia

Schwulsein in Myanmar

Handtaschenweitwurf und Wettrennen in Stöckelschuhen. Das sind Aufnahmen der Drag Queen Olympics in Yangon, in Myanmar. Dem Land, das umgangssprachlich auch Birma oder Burma bezeichnet wird und das in Südostasien immer noch zu den konservativsten zählt. Das Leben für LGBTQ+ Menschen hier ist alles andere als einfach.

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Kluger Widerstand: erster Hanoi Pride auf Fahrrädern

Der kreative Ansatz der LGBT-Community in Vietnam, sich für ihre Rechte einzusetzen, zeigt sich auch hinsichtlich der Hanoi Pride. So fand diese erstmals im Jahr 2012 mit rund 100 Teilnehmern statt – auf Fahrrädern, da Demonstrationen und Proteste zu Fuß eine Genehmigung erfordern. „Wir testen immer wieder die Grenzen des Möglichen aus. Und so kommen wir jedes Mal ein Stückchen weiter vorwärts“, sagt Hoang Giang Son. So wurden beispielsweise bereits zahlreiche Events der LGBT-Community auf dem Gelände des American Club in Hanoi ausgerichtet, da es sich dabei um Eigentum der USA handelt und vietnamesische Polizisten dort keine Ordnungsgewalt haben.

Im Jahr 2017 fand daher erstmals eine Pride zu Fuß statt, mit einigen vorherigen Testläufen in der Fußgängerzone, um die Reaktion der Polizei abschätzen zu können. Beim ersten Mal habe sich gezeigt, dass das Tragen von Regenbogen-Flaggen zu Ablehnung der Staatsgewalt führte, also trugen die Aktivisten in der Folgewoche die Flaggen als Kostüme am Körper. Als die örtliche Polizei den Übungsmarsch abbrechen wollte, hätten sogar unbeteiligte Passanten eingegriffen und die Beamten lautstark aufgefordert, die Gruppe weiterziehen zu lassen. Dieser Lauf sei später auch in sämtlichen Medien gezeigt worden, sagt Hoang Giang Son.

Schwul in Vietnam Gay in Vietnam Gay Pride on Bikes © ICS Ho Chi Minh City
Schwul in Vietnam – Gay Pride auf Fahrrädern © Hanoi Pride

Im Jahr 2018 betrug die Teilnehmerzahl übrigens mehr als 1.000 Personen, wobei auch die britische Botschaft als Partner der Aktion gewonnen werden konnte. Mit jedem Jahr erhalte Hanoi Pride auch mehr finanzielle Unterstützung aus dem privaten Sektor, oftmals, weil Mitglieder der LGBT-Community in einflussreichen Positionen in den Unternehmen arbeiten, sagt Hoang Giang Son.

Vornehmlich gehe es allerdings darum, die Pride nicht als politisches Event zu präsentieren. „Solange nicht der Eindruck entsteht, dass wir eine Bedrohung für die herrschende Partei darstellen, lässt man uns gewähren“, erklärt der Aktivist. Eine direkte Konfrontation wäre nur nachteilig, denn offene Meinungsäußerung und Kritik am politischen System sind immer noch äußerst riskant. Stattdessen gilt hier der Weg des cleveren Widerstands.

Schwul in Kambodscha Gay in Cambodia: LGBTQ+ Situation in the Asian Kingdom © Café Krousar/A Place To Be Yourself (Jason Argenta)

LGBTQ+ & Schwul in Kambodscha

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Hohes Risiko für Transgender

Trotz einer sichtlichen Verbesserung der Situation für LGBTQ+ in Vietnam in den letzten 10 Jahren, sind die Umstände für Transpersonen nach wie vor schwierig. Denn eine Geschlechtsumwandelung ist zwar seit 2015 gesetzlich gestattet, offizielle medizinische Richtlinien liegen aber auch fünf Jahre später noch nicht vor, sodass Ärzte einzig Brustoperationen durchführen, die als Schönheits-OPs gelten, jedoch keine Operationen der Genitalien. Transpersonen würden sich daher oftmals für Eingriffe in Thailand entscheiden, in fragwürdigen Kliniken, da vielfach das finanzielle Budget für vertrauenswürdige Ärzte nicht vorhanden sei, weiß Tan Thu Nguyen, Arzt und wichtiger Ansprechpartner der LGBT-Community in Ho-Chi-Minh-City, der schon im Jahr 2010 gratis Online-Beratungen zum Thema HIV und Aids anbot, um die Sorge vieler Patienten einer öffentlichen Bloßstellung zu umgehen.

Schwul in Vietnam Gay in Vietnam Transgender at Pride in Vietnam © ICS Ho Chi Minh City
Schwul in Vietnam – Transgender gehören auf jede Pride, auch in Vietnam © Hanoi Pride

Ergäben sich dann nach einer Operation Probleme, wie Infektionen oder Blutungen, gäbe es von vietnamesischen Ärzten nur wenig Hilfe. Auch bei der Behandlung mit Hormonen gäbe es kaum Unterstützung. „Stattdessen kaufen viele transidente Personen Hormone auf dem Schwarzmarkt und nehmen die Präparate ohne ärztliche Aufsicht ein“, sagt er, der seinen Patienten zwar keine Rezepte ausstellen darf, aber zumindest Ratschläge geben kann. „Aber das ist eben der Preis, den Trans-Menschen bereit sind, zu zahlen, um endlich sie selbst sein zu können.“

Schwul in Vietnam: Rechtlich ist vieles noch eine Grauzone

Seit 2018 bietet ICS auch Trainings an, um Ärzte bezüglich der besonderen Bedürfnisse von Trans-Menschen zu schulen. Um zusätzlich ein stärkeres Bewusstsein für deren Situation und Probleme und ein fundiertes Verständnis im Hinblick auf Operationen und Hormone zu schaffen, veröffentlicht Tan Thu Nguyen auch regelmäßig Zeitschriftenartikel und Blog-Posts. „Weiter ist es legal noch eine Grauzone“, sagt Ngo Le Phuong Linh, „denn ein Transgender kann zwar mit einer Operation das Geschlecht anpassen lassen – im Pass wird es aber nicht geändert.“

Trotzdem wächst das Bewusstsein in der Gesellschaft für die Existenz von trans. So hat beispielsweise in Ho-Chi-Minh-City im vergangenen November 2019 erstmalig eine Transgender Pride stattgefunden. Vietnam ist also noch nicht ganz das Paradies, das sich die lokale LGBT-Community wünschen würde, aber der Weg ist scheinbar schon einmal der Richtige.

Gay Travel Adventure Vietnam Gay Travel Blogger Karl & Daan on a Halong Bay Cruise | Top Highlights Best Photos Gay Couple Travel Vietnam © CoupleofMen.com
Gay Travel Blogger Karl & Daan on a Halong Bay Cruise © Coupleofmen.com

Schwule Reisende in Vietnam

Auch für LGBT-Reisende, die Vietnam besuchen können, präsentiert sich die Lage verhältnismäßig entspannt, im Vergleich zu einigen umliegenden Ländern in Südostasien. So gibt es beispielsweise in Ho Chi Minh City die Gay Agentur Pride Drives – Saigon Gay Tours, die unter anderem Stadtbesichtigungen mit TukTuks und Streetfood Touren anbieten. Karl und Daan waren in Vietnam unterwegs und haben sowohl den Norden als auch den südlichen Teil des Landes inklusive Phu Quoc als offen schwul reisendes Paar erkunden können, ohne dabei Probleme und Homophobie erfahren zu haben. Man darf dabei allerdings die besondere Stellung von Touristen im Ausland nicht vernachlässigen.

Reiseplanung: Auswärtiges Amt Vietnam | Wikipedia LGBT rights in Vietnam

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Fotoquelle: ICS Ho Chi Minh City | Couple of Men
Infoquelle: Pride Drives | ICS Ho Chi Minh City | Wikipedia

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