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Gay Pride Rainbow Group of people LGBTQ+ activists Aktuelle Situation der LGBTQ+ in Georgien © Mikheil Meparishvili www.netgazeti.ge

Schwul in Georgien: „If you are Georgian, you need to be a straight man“

Der aktuelle Spartacus Gay Travel Index stuft Georgien in seinem Ranking auf Platz 95 ein, mit einer Gesamtbewertung von -2. In Kategorien, wie gleichgeschlechtlicher Ehe, Verfolgung, Antidiskriminierungsgesetzen oder Transgender-Rechten, schneidet das Land nur in einem einzigen Fall mit einer positiven Bewertung ab. Alle anderen liegen entweder bei 0 oder im negativen Bereich. Auch wenn Homosexualität in Georgien seit 2000 legal ist, wird sie in großen Teilen des Landes tabuisiert mit weitreichenden Folgen für Lesben, Schwule und queere Menschen im Land. Für meinen Artikel „LGBTQ+ Georgien“ auf  Couple of Men habe ich mich mit der aktuellen Lage der LGBTQ+ Community in Georgien genauer beschäftigt.

 

LGBTQ+ in Georgien: Starker Einfluss der orthodoxen Kirche

Ursache für die schwierige Situation für die LGBTQ+ Community in Georgien ist der große Einfluss der orthodoxen Kirche. Auch die georgische Bevölkerung ist stark konservativ, mit teilweise offener Ablehnung gegenüber Homosexualität. So gab in einer Umfrage im Jahr 2011 die Mehrheit der Befragten an, lieber einen Alkoholiker als einen Homosexuellen als Arbeitskollegen haben zu wollen. Eine Aufklärung zum Thema sexuelle Diversität findet in den Schulen schlicht nicht statt. In diesem Klima sind die Offenlegung der eigenen (schwulen) sexuellen Identität und deren Auslebung in der Öffentlichkeit ein großer Risikofaktor. Ein Coming-Out ist oftmals mit erheblichen Negativeffekten verbunden, wie dem Verlust des Arbeitsplatzes. Nicht selten wird Transgender-Personen der Zugang zur Universität verwehrt.

 

Zur aktuellem Situation der LGBTQ+ in Georgien © Mikheil Meparishvili www.netgazeti.ge

Zur aktuellem Situation der LGBTQ+ in Georgien © Mikheil Meparishvili www.netgazeti.ge

 

Der Tag der Familie in Georgien

Auch im Privaten zeigt sich eine klare Vorstellung von Familie, Liebe und Sexualität in Georgien. Seit 2014 ist der 17. Mai in Georgien der Tag der Familie, offiziell ausgerufen von der georgischen orthodoxen Kirche. Allerdings herrscht hierbei ein ganz spezielles Bild vor, wie Familie in Georgien auszusehen hat. Nämlich nicht schwul, lesbisch, bi oder transgender.

Anlässlich dieses Tages, gleichzeitig auch der Tag gegen Homophobie, finden regelmäßig Veranstaltungen und Demonstrationen der LGBTQ+ Community in der Hauptstadt Tbilisi statt, wenn auch mit erhöhtem Risikolevel. Im Jahr 2012 wurden rund 20 Personen, die für LGBTQ+ Rechte und Gleichberechtigung demonstrierten, von orthodoxen Priestern und deren Unterstützern massiv bedrängt. Im darauffolgenden Jahr stand den LGBTQ+ Aktivisten ein Mob von mehreren Tausend (einige Quellen sprechen von bis zu 20.000) homophobe Mitglieder der konservativen orthodoxen Kirche gegenüber. Die LGBTQ+ Aktivisten flohen schließlich in einem Bus. Wenige Tage vor dem Ereignis hatte Ilia II von Georgia, Oberhaupt der georgischen orthodoxen Kirche, Homosexualität als Anomalie und Krankheit bezeichnet.

 

 

2018 waren die Aktionen der LGBTQ+ Aktivisten kurzfristig abgesagt worden. Ihr Schutz könne nicht gewährleistet werden, hieß es offiziell. Auch in diesem Jahr fanden keine Veranstaltung von LGBTQ+ Organisationen oder anderen Aktivisten anlässlich des 17. Mai statt. Zu groß ist die Angst vor erneuten Übergriffen.

 

 

Tägliche Bedrohung & Anfeindungen der LGBTQ+ Community

Dabei reicht es in Georgien offenbar schon aus, nicht der Optik zu entsprechen, die von dem konservativen und radikalen Teil der Bevölkerung als die Norm verstanden wird. Es müssen nicht einmal eindeutige schwule Handlungen, wie Küssen oder Händchen halten, in der Öffentlichkeit sein. Manchmal können schon ein Ohrring, der Bart oder eine bestimmte Art, sich zu kleiden, ausreichen, um verprügelt zu werden, erklärt Michael Mepharishvili von der NGO Equality Movement in Tbilisi. Auch gibt es nur wenige Orte, in denen LGBTQ+ ihre Identität offen ausleben können. Bei der Gründung von Equality Movement im Jahr 2013 gab es in der Hauptstadt nur einen einzigen LGBTQ+ Club, mittlerweile sind es 6. Allerdings ist auch der Besuch dieser Clubs immer mit einem Risiko verbunden. So kann es durchaus passieren, dass Menschen beim Betreten oder Verlassen des Lokals von radikalen Gruppierungen abgefangen, bedroht und angegriffen werden. Aber auch Anfeindungen und Beleidigungen in Restaurants, im Bus oder auf der Straße sind fast alltäglich.

 

A Gay Kiss during our Gay Travels to Spain | Spartacus Gay Travel Index 2019 © Coupleofmen.com

Spartacus Gay Travel Index © Coupleofmen.com

Gay Travel Index 2019

Die jährlich aktualisierte Rangliste des Gay Travel Index für 2019 von Spartacus informiert Reisende über die Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in 197 Ländern und Regionen verteilt auf die ganze Welt. Welche Länder sind schwulenfreundlich? Wo müssen LGBTQ+ Reisende besonders aufpassen?

Die Arbeit von Equality Movement in Georgien

Aber auch in Georgien gibt es Organisationen, die die gegebenen Umstände nicht einfach kampflos hinnehmen wollen. Dazu gehören Identoba in der Stadt Kutaissi und Equality Movement in der Hauptstadt Tbilisi.

Equality Movement hieß ursprünglich LGBT – Georgia. Dieser Name brachte jedoch das Problem mit sich, dass niemand den Gründern Büroräume zur Verfügung stellen wollte. Sobald klar wurde, welche Ansichten die NGO vertritt, kam die Absage. Nach der Änderung in das neutralere Equality Movement wurde es besser – aber nicht gut, denn trotzdem musste die Organisation bereits mehrfach umziehen, um Anfeindungen und Übergriffen zu entgehen. Auch im aktuellen Büro gibt es einen Sicherheitsdienst, der im Notfall gerufen werden kann. Immer wieder kommt es auch vor, dass private Druckereien einen Auftrag ablehnen, wenn klar wird, dass es sich um LGBTQ+ Infomaterial handelt. Für Transgender-Menschen gibt es spezielle Fahrdienste, die sie sicher in die Büroräume oder zum Arzt bringen sollen. Auch bietet Equality Movement kostenlose und anonyme HIV-Tests an und führt Info-Veranstaltungen in Nachtclubs und bei Festivals durch. Weiter ist für die Zukunft geplant, eine Karte von Tbilisi zu erstellen mit ‚safe places‘ für Mitglieder der LGBTQ+ Community.

 

 

Der Versuch eines Dialogs zwischen den Lagern besteht allerdings nicht, erklärt Mepharishvili. Stattdessen wäre eher eine Radikalisierung auf beiden Seiten zu erkennen. „There is no space for dialogue.“

 

Situation der LGBTQ+ in Georgien bessert sich langsam…

„Im Vergleich zu den Nachbarländern Türkei und Russland ist die Situation trotzdem noch gut“, versucht Michael Mepharishvili die Lage positiv zu sehen. Innerhalb der jungen, europaorientierten Generation zeige sich immer mehr Toleranz und Offenheit für Homosexualität. Bei einer Umfrage des National Democratic Institute (NDI) Mitte 2018 war wenigstens sich ein kleiner Anstieg (2 %) der Befürworter von LGBTQ+ Rechten zu verzeichnen. Insgesamt stuften 23 % der Befragten die Gleichberechtigung als wichtig ein, 26 % gaben sich immerhin neutral. Trotzdem sprachen sich 44 % der Befragten klar gegen die Bedeutung von LGBT-Rechten aus.

Im Oktober 2017 kandidierte erstmals eine offen lesbische Politikerin, Nino Bolkvadze, für ein öffentliches Amt. Im selben Monat zeigte sich der georgische Fußballspieler Guram Kashia anlässlich des internationalen Tages des Coming-Outs bei einem Spiel in den Niederlanden mit einem Regenbogen-Armband. Die Aktion löste Unruhen im eigenen Land mit mehreren Festnahmen aus.

 

…aber nicht schnell genug

Sicher kommt auch der Wunsch Georgiens, Teil der Europäischen Union zu werden, der LGBTQ+ Community zugute. Trotzdem gehen vielen die Änderungen und Verbesserungen im eigenen Land nicht schnell genug. Georgien hat nur knapp 4,5 Millionen Einwohner und zahlreiche Mitglieder der LGBTQ+ Community gehen ins Ausland, auf der Suche nach mehr Freiheit und Toleranz. Auch Michael Mepharishvili erklärt: „Ich habe Angst, dass ich bald in diesem Kampf ganz allein dastehe.“

 

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Mehr über Sarah

Die erste Frau bei Couple of Men. Mein Name ist Sarah und ich komme aus Deutschland. Bisher habe ich in Tschechien, Spanien und den Niederlanden gearbeitet und wohne seit fünf Jahren in Amsterdam. Ich bin Journalistin und seit 2016 selbständig. Ich schreibe am liebsten über Themen, die ich persönlich für wichtig halte, wie Menschenrechte, Frauenrechte, LGBTQ+ Rechte, Politik und Umweltschutz und hoffe, für diese Themen mehr Aufmerksamkeit zu erreichen. Das Beste an meiner Arbeit ist allerdings, dass ich zum digitalen Nomaden werden kann, wann immer mir danach ist. Vielleicht schreibe ich also den nächsten Artikel für Couple of Men von einem Strand in Argentinien aus.

Über die aktuelle Situation der LGBTQ+ Community in Georgien

Dies ist der erste Teil der Berichterstattung. In den nächsten Tagen werden wir noch ein Interview mit LGBTQ+ Aktivistin Tsiala Ratiani veröffentlichen. Doch damit beginnt gerade erst die Arbeit unserer Reporterin Sarah. Weitere Reiseberichte zur Lage der LGBTQ+ Community folgen in den nächsten Wochen und Monaten. Das Ziel dieser Serie ist es, auf die teils gefährliche Lage für lesbische, schwule und queere Menschen in weniger priviligierten Ländern aufzudecken und damit einen Beitrag für Gleichberechtigung, Liebe und Toleranz in der ganzen Welt zu leisten. Hast du Geschichten und Stories, die auf Couple of Men erzählt werden sollten? Schick uns eine E-Mail oder private Nachricht auf Social Media. Keine Angst, alle Daten werden von uns vertraulich und sicher behandelt. Und dennoch: Happy Pride und #lovewins!

Fotoquelle: Mikheil Meparishvili, netgazeti.ge | George Gogua – Liberali
Infoquelle: BBC News | The Guardian | RT News | OC Media | Georgia Today

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Karl & Daan.

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Comments

  • Stranger called Jeffie
    REPLY

    Ja, die Situation mit der Gemeinde ist zurzeit zu verzweifelt in Georgien. Wir sind zwar Europa, doch die Mentalität von Georgiern (ich meine hier meist die von den Älteren) bleibt immerhin ziemlich sowjetisch. So wurden Menschen erzogen. Fast ähnlich werden heute die Kinder in unseren Schulen erzogen. Natürlich gibt es auch einige Ausnahmen, aber es langt nicht.
    Nur mit der Zeit erreichen wir, Georgier, was wir europäisch nennen. Nur dann, wenn wir unsere Kinder nicht mehr sowjetisch und conservativ erziehen.

    Die georgische Gesellschaft ist heute nicht bereit, uns zu akzeptieren und wir sollen das, leider annehmen. Wir sollen, allerdings auch kämpfen, aber in diesem Fall mal nicht mit Pride. Mit Auskunft. Mit Ausbreiten. Und vor allem mit den Menschen im Parlament, mit dem Haupt, der sich auf die Entwicklung von dem Land und dem Volk ausrichten wird.

    Ich bin keine Expertin, aber ich spreche mich aus. Ich erlebe jeden Tag die Sachen, die Vorurteile, die jeder von uns, so ich ahne, erlebt. Und ich hoffe herzlich, dass es dafür irgendwann Ende geben wird.

    Vielen Dank der Journalistin, die diesen Artikel veröffentlichen liess. Sie geben mir mit jedem solchen Bericht Hoffnung!

    Juli 20, 2019

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