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„Himmler glaubte, Homosexualität mit Arbeit und frischer Luft therapieren zu können“

„Himmler glaubte, Homosexualität mit Arbeit und frischer Luft therapieren zu können“

Die Opfergruppe der LGBTQ+ Community spielt in der Aufarbeitung und Forschung zum Holocaust immer noch eine untergeordnete Rolle. Der deutsche Historiker und Soziologe Dr. Alexander Zinn beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema der Schwulenverfolgung in Nazi-Deutschland und hat dazu bereits zahlreiche Artikel und Bücher publiziert. Für Couple of Men spricht die Feministin, Frauenrechtsaktivistin und Kolumnistin für unseren Blog, Sarah, am Internationalen Holocaust-Gedenktag mit Dr. Alexander Zinn über das Schwulsein im Dritten Reich, die im Herbst 1934 einsetzende Homosexuellen-Verfolgung, die Stellung der schwulen KZ-Häftlinge, Umerziehungsmaßnahmen und den Umgang mit den schwulen Opfern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

von Sarah Tekath

Schwulsein im Dritten Reich: Interview zum Holocaust-Gedenktag

Dr. Zinn, bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gab es z.B. in Berlin zahlreiche LGBT Clubs und Bars. Warum glaubte das Nazi-Regime, dass Homosexualität deren Ideologie entgegenstand?

Es gibt dabei unterschiedliche ideologische Stränge des Konservativismus, die sich gegen Homosexualität gerichtet haben. Es gab das klassische Bild des schwulen Mannes als Knabenschänder und die Vorstellung, dass Homosexualität mit Dekadenz einhergeht und Gesellschaften zugrunde richtet. Dass insbesondere das Führungspersonal in der Gesellschaft, die Eliten, in der Wirtschaft zu Homosexualität tendieren, was zum Niedergang von Gesellschaften führte. Das alte Rom wurde hier als Beispiel angeführt. Das sind geistige Strömungen, die die Nationalsozialisten ebenfalls aufgenommen haben.

Heinrich Himmler hielt es für wahnsinnig gefährlich, dass Homosexualität eine große Rolle spielen könnte für das Staatsgefüge und hat daher in der Homosexualität eine Staatsgefahr gesehen. Und Himmler war damals die zentrale Figur im Nationalsozialismus. Er war Chef der Gestapo, Chef der SS und zentraler Figur in der Homosexuellen-Verfolgung. Seine Vorstellungen waren also ganz wesentlich.

1933 ist aber erst einmal gar nichts passiert, denn Ernst Röhm, Chef von Heinrich Himmler, war zu diesem Zeitpunkt eine der wichtigsten Figuren in der nationalsozialistischen Bewegung. Er galt damals als die zweite Führungsperson neben Adolf Hitler, der ihn 1931 zum Chef der SA gemacht hatte. Ernst Röhm war damals offen homosexuell, wurde jedoch von Hitler lange Zeit gedeckt und im Amt belassen. Die Tatsache, dass ein homosexueller Chef von Himmler war, hat dessen Ansicht bestätigt, dass Schwule eine wichtige Rolle im Staat spielen. Er glaubte, Homosexuelle bilden Netzwerke innerhalb des Staates und würden Personal-Entscheidungen nicht anhand des Leistungsprinzips treffen, sondern aufgrund eines erotischen Prinzips.

Beginn der Homosexuellenverfolgung bereits 1934

1933 gab es zwar schwule Bars und Zeitschriften in Berlin, auch wenn sich in den letzten Jahren bereits ein Rückgang zeigte, durch die Weltwirtschaftskrise. Viele der übrigen Bars wurden allerdings zugemacht, obwohl es auch innerhalb der NS-Bewegung unterschiedliche Strömungen gab. Es gab stark homophobe Tendenzen, die die Bars schlossen, aber es gab auch Widerstand dagegen. Unter anderem durch Ernst Röhm. Dieser wurde dann auch 1934, 14 Monate nach der Machtergreifung, ermordet, im Auftrag Hitlers, nach einem angeblichen Putsch-Versuch, dem Röhm-Putsch, den es nie gegeben hat. Heinrich Himmler hat das Kommando geleitet, das Ernst Röhm erschossen hat.

In diesem Moment kippt die Situation politisch und im Herbst 1934 setzt die Homosexuellen-Verfolgung ein, geleitet von Heinrich Himmler. Es kommt zu ersten Razzien in Homosexuellen-Bars und zu Einweisungen in Konzentrationslager im Herbst/Winter 1934/35. Zuerst einmal ging es darum, den Staatsapparat von Homosexuellen zu säubern, denn die Vorstellung, dass Homosexuelle den Staat unterwandern, ist das wesentliche Motiv von Heinrich Himmler. Deswegen werden bei den Razzien in den Kneipen zwar alle verhaftet, bei den anschließenden Befragungen geht es vornehmlich darum, wer in wichtigen Positionen oder in der NSDAP ist.

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Paragraf 175: Verschärfung ab 1935

Wie war der Stand des Gesetzes zu diesem Zeitpunkt bezüglich Homosexualität?

Es gab den Paragrafen 175, der ursprünglich beischlafähnliche Handlungen unter Männern kriminalisierte. Und das bedeutet, dass nur ein ganz kleiner Teil der sexuellen Möglichkeiten überhaupt kriminalisiert war, nämlich im Wesentlichen der Analverkehr. Wechselseitige Onanie war hingegen zu diesem Zeitpunkt 1934/35 straffrei. Die Homosexuellen haben das gewusst und haben in der Regel gegenüber der Polizei behauptet, dass es zwar eine sexuelle Beziehung gegeben habe, die sich jedoch nur auf wechselseitige Onanie beschränkte. Da hat die Gestapo gemerkt, dass sie mit dem Strafrecht nicht viel ausrichten konnte. Das ist auch der Grund, warum so viele Männer zu diesem Zeitpunkt in Konzentrationslager gebracht wurden. 500 bis 1.000 Männer waren in den Lagern Lichtenburg und Columbiahaus.

Im Sommer 1935 wurde der Paragraf 175 verschärft. Fortan waren jede sexuelle Handlung und selbst auch erotische Blicke oder Berührungen des Körpers ohne sexuelle Komponente strafbar. Dies hat zu der Strafrechtsverfolgung geführt. Ab 1935 kam es zu einem deutlichen Anstieg der strafrechtlichen Verfolgung. Vorher lag die Zahl der jährlichen Strafverfolgungen bei 500 – 700, bis 1939 hat es sich aber verzehnfacht. Es ist zu einer massiven Verfolgungswelle gekommen. Trotzdem allem muss man auch dabei bedenken, in Bezug zur gesamten homosexuellen Population, die niedrig geschätzt bei 500.000 gelegen haben könnte, ist der Anteil mit vielleicht 40.000 Verurteilten trotzdem gering, wenn natürlich trotzdem beträchtlich.

Warum wurde sich so stark auf schwule Männer fokussiert und nicht auf lesbische Frauen, Bisexuelle oder Transidente?

Man glaubte damals, dass der Staat eine Domäne des Mannes ist. Wenn Frauen im Staatsapparat keine Rolle haben, dann ist auch die Bedrohung für die Verfolgungspolitik nicht so relevant. Eine Unterwanderung des Staates durch Frauen drohte einfach gar nicht, weil Frauen in diesem nationalsozialistischen Männerstaat, den sich Himmler vorstellte, nur die Reproduktion der Gesellschaft sichern sollten. Bei der Gesetzesverschärfung 1935 wurde durchaus diskutiert, ob weibliche Homosexualität mit aufgenommen werden sollte, aber es wurde sich bewusst dagegen entschieden.

Transgender ist ein Thema, das kaum erforscht ist, aber damals unter Sexualität durchaus wahrgenommen wurde. Auf politischer Ebene hat man darauf aber kaum geachtet. In den Zwanzigerjahren kamen schon sogenannte Transvestiten-Scheine auf, die es den Besitzern öffentliches Crossdressing erlaubten, ohne von der Polizei verhaftet zu werden. Diese Tradition ist teilweise in den Dreißigerjahren weitergeführt worden. Im Dritten Reich wurden in einigen Städten immer noch solche Scheine ausgegeben, was zeigt, dass es vonseiten der Nationalsozialisten keine so klare Haltung gegeben hat, wie mit diesem ‚Problem‘ umzugehen sei. Aber eigentlich hat man darin auch kein richtiges Problem gesehen, ist meine Perspektive. Es waren zu wenig Leute, es wurde nicht richtig wahrgenommen und man hat deswegen auch keine eindeutige Politik entwickelt.

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Umerziehung & medizinische Experimente: Homosexualität heilbar? 

Innerhalb der Lager fanden sogenannte ‚Umerziehungsmaßnahmen‘ statt. Wie passierte dort?

Hier muss zwischen zwei Phasen unterschieden werden. 1934/35 war es so, dass bei den Razzien Hunderte Männer verhaftet worden sind, möglicherweise ein paar Tausend, so genau wissen wir das nicht. Diese Männer hat man direkt in Konzentrationslager gebracht, um auch die vermeintlichen schwulen Netzwerke aufklären zu können, mithilfe von Befragungen, aber auch durch Gewalt bei Verhören. In dieser frühen Phase war Heinrich Himmler der Auffassung, dass man durch Umerziehung durch harte Arbeit an der frischen Luft Homosexualität zum Verschwinden bringen könnte. Gerade diese Idee der frischen Luft war für Himmler ein wesentliches Motiv, was auch bei der Strafverfolgung genutzt wurde, bei Gefangenen, die zum Beispiel zur Außenarbeit beim Straßenbau eingesetzt wurden. Er glaubte, dass man Homosexualität so therapieren könne.

Als es dann zu immer mehr Strafverhandlungen kam, immer mehr Männer in die Gefängnisse wanderten und dann wieder entlassen wurden, es aber immer noch zu zahlreichen, sogenannten Rückfällen kam und die Männer mehrfach verurteilt wurden, verlor Himmler allmählich den Glauben in diese Theorie.

Das hat dazu geführt, dass es ab 1940 eine deutliche schärfere Politik gegeben hat, wobei man Homosexuelle nach der ersten Gefängnisstrafe unter Umständen in ein Konzentrationslager eingewiesen hat, um sie dort wegzusperren und auch in der Hoffnung, dass die härteren Bedingungen möglicherweise zu einer Therapie führen.

Später hat es dann auch noch die Versuche gegeben, mit medizinischen Experimenten – in Buchenwald ist das berichtet – mit Hormontherapien oder Implantaten. 1944 hat etwa ein dänischer KZ-Arzt den Gefangenen Testosteron verabreicht. Für Heinrich Himmler war das immer eine ganz wichtige Fragestellung: Wie kann man die Homosexualität verschwinden lassen? Dafür hat er auch medizinische Forschung gefördert. In Weimar gab es auch einen Rasse-Hygieniker, der sich mit dem Thema beschäftigt hat und von Himmler Fördergelder bekommen hat.

Es ging also vornehmlich darum, die Homosexualität verschwinden zu lassen, aber nicht unbedingt darum, den homosexuellen Menschen zu eliminieren. Sollte das nicht gelingen, war auch die ‚Ausmerzung der Person‘ später das Programm, später die Vernichtung.

Trotz allem müssen wir bedenken, dass es vornehmlich darum ging, die Schlimmen, die Unverbesserlichen auf diese Weise zu bestrafen und zu therapieren. Deswegen haben die Nationalsozialisten die Homosexuellen unterteilt, in die Verführer und die Verführten. Sie glaubten, dass es sich dabei um eine Krankheit oder eine Seuche handele, die sich per Verführung übertrage. Und dass nur die Verführer, die nicht davon lassen können und immer wieder andere Männer verführen, die Seuchenherde sind. Die Verwendung medizinischer Begriffe zeigt auch, wie die Nationalsozialisten Homosexualität wahrgenommen haben. Sie waren die wirklich Gefährlichen in den Augen von Himmler und der Reichszentrale zur Bekämpfung von Homosexualität in Berlin, die 1936 gegründet wurde. 1940 hat es einen Erlass vom Reichssicherheitshauptamt gegeben, wo diese Differenzierung auch aufgenommen wurde und worin stand, dass jeder Mann, der mehr als einen anderen Mann verführt hat, ins Konzentrationslager einzuweisen sei.

‚Jugendverführung‘ als Hauptgrund für KZ-Inhaftierung

Das ist auch interessant, wenn man sich am Ende einmal anschaut, wer in die Konzentrationslager eingewiesen worden ist. Wir glauben ja heute immer noch in unserer Gedenkpolitik, dass die Rosa-Winkel-Häftlinge teilweise ganz normale Homosexuelle gewesen seien, die mit einem erwachsenen Partner eine Liebesbeziehung geführt haben. Wenn man sich die soziale Zusammensetzung dieser Rosa-Winkel-Häftlinge einmal kritisch ansieht, dann sieht man, dass es doch größtenteils Menschen waren, die entweder Jugendliche verführt oder Kinder missbraucht haben oder Prostituierte waren. Dann gab es noch eine größere Gruppe, die nicht nur wegen Homosexualität vorbestraft war, sondern auch noch wegen diverser anderer Delikte, die sogenannten Berufsverbrecher.

Es waren aber fast nie die gewöhnlichen Homosexuellen, die wir uns immer so vorstellen. Also denjenigen, die mit einem erwachsenen Partner einvernehmlichen Sex hatten, denen drohte selten Konzentrationslagerhaft. In der Regel waren es vor allem die sogenannten Jugend-Verführer. Das lag daran, dass die Kriminalpolizei, die in den Städten für die Einweisung in Konzentrationslager zuständig war, und diese hat den Erlass von 1940, in dem das Wort Verführung vorkommt, oftmals als Jugendverführung interpretiert und nicht um die Verführung eines erwachsenen Mannes.

Ich habe persönlich einen KZ-Überlebenden getroffen, der zweimal wegen Homosexualität inhaftiert wurde, obwohl es sich dabei um einvernehmlichen Sex mit einem anderen Erwachsenen gehandelt hat. Allerdings handelte es sich bei diesem Häftling um einen Tschechoslowaken, möglicherweise kam das erschwerend dazu. Aber solche Fälle, auch wenn sie oft im Rampenlicht stehen und wir uns mit unserer Vernehmung darauf fokussieren, waren eher selten.

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Holocaust-Gedenktag: Opfer mit dem Rosa Winkel

Oft vergessen wird aber auch die Tatsache, dass zu den Opfern in Nazi-Deutschland auch schwule Männer gehören, die mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet wurden. Man geht heute davon aus, dass zwischen 10.000 und 60.000 schwule Männer im Rahmen des Holocausts den Tod fanden.

Mehr über den Holocaust-Gedenktag >

Aufarbeitung: besser spät als nie?

Warum ist dieses Thema immer noch so wenig bekannt und was erschwert die Aufarbeitung?

Die Aufarbeitung hat spät begonnen, da sind aber LGBT nicht die Einzigen. Bei Sinti und Roma war es ja ähnlich. Es hat die sogenannten vergessenen Opfergruppen gegeben, die natürlich nicht vergessen worden sind, sondern bei denen die Diskriminierung und die Verfolgung auch nach 1945 einfach so weitergegangen ist. Dazu gehören auch die Schwulen und Lesben, weil der Paragraf 175 in Deutschland unverändert in Kraft geblieben ist bis 1969. Das heißt, der sogenannte Nazi-Paragraf mit allen Verschärfungen ist weiterhin angewendet worden. Unter diesen Bedingungen war es völlig unvorstellbar, dass man das als Unrecht wahrnimmt, was im Dritten Reich passiert ist. Man hat es für rechtmäßige Verfolgung gehalten. Erst ab 1969, als dieser Paragraf erheblich entschärft worden und die Strafbarkeit für einvernehmlichen Sex weggefallen ist, erst da ging es los, dass man angefangen hat, darüber nachzudenken, ob das alles so richtig war, was im Dritten Reich passiert ist.

Damals war es allerdings nicht die historische Wissenschaft, die darüber nachgedacht hat, sondern es war die Lesben- und Schwulenbewegung, die in den Siebzigerjahren entstanden ist, die angefangen hat, das alles aufzuarbeiten, weil sie es als ihre eigene Geschichte empfunden haben. Das hatte natürlich auch mit den eigenen Ansprüchen gegenüber dem Staat zu tun, zum Beispiel Diskriminierung reduzieren oder Homosexualität zu entkriminalisieren, und sollte diese moralisch untermauern. Die eigenen Zwecke haben hier sicher auch mitgespielt, sich dieser Geschichte anzunehmen.

In den Siebzigerjahren ist der Rosa Winkel zum Beispiel auch zu einem Symbol geworden, den man sich an den Pullover stecken konnte als ein Identifikationssymbol. Das ist schon eine etwas schräge Nummer gewesen, im Nachhinein betrachtet, weil es anmaßend war gegenüber den Opfern, die tatsächlich in Konzentrationslagern gesessen haben.

Weil es eben die Schwulen- und Lesbenbewegung war, die sich als Einzige mit dem Thema beschäftigt hat, hat auch die Aufarbeitung so lange gedauert. Es ist nicht ernst genommen worden von der ‚seriösen‘ Wissenschaft, von den Geschichtswissenschaftlern und erst in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als dann aus der Schwulenbewegung heraus verschiedene Publikationen zu dem Thema erschienen sind, hat es langsam einen Prozess gegeben, dass auch innerhalb der Wissenschaften mehr Aufmerksamkeit entstand. Heutzutage, denke ich, ist das Thema schon weitestgehend akzeptiert als ernst zu nehmender Forschungsgegenstand, auch wenn es, in meinen Augen, immer noch nicht ausreichend finanziell gefördert wird.

Interview Holocaust with Dr. Alexander Zinn
Interview mit Dr. Alexander Zinn über die LGBTQ+ Opfer des Holocaust

Gelber Judenstern besser als Rosa-Winkel?

In dem britischen Film ‚Bent‘ aus dem Jahr 1997 versucht ein schwuler Häftling eines Konzentrationslagers alles, um den gelben Winkel für Juden zu bekommen, anstatt des rosa Winkels. Ist das realistisch?

Ich bin skeptisch. Was klar ist, ist, dass der rosa Winkel auch innerhalb der ‚Häftlingsgesellschaft‘ einen bestimmten Rang hatte. Es war ja so, dass sich die Häftlingsgruppen selbst verwaltet haben, als perfide Strategie der SS innerhalb der Lager. Die SS ist draußen geblieben und hat die Verwaltung des Lagers selber den Häftlingen anvertraut, sozusagen. Deswegen gab es auch unter den Häftlingen, die ja alle gekennzeichnet waren mit den Winkeln, heftige Kämpfe, wer die Verwaltung im Lager übernehmen und die Macht dort ausüben kann, denn Machtausübung bedeutete vor allem, wer hat den Zugang zum Essen oder zu sicheren Arbeitsbedienungen innerhalb der Baracken oder wer wird in Vernichtungslager weitertransportiert, denn das mussten etwa in Buchenwald auch die Häftlinge selbst bestimmen.

Wir hatten es also mit einer ganz perfiden Situation in den Lagern zu tun, wobei die Häftlingsgruppen untereinander um die Macht gekämpft haben und die Rosa-Winkel-Häftlinge waren immer am unteren Ende der Machtskala. Insofern ist es nicht unrealistisch, dass man den rosa Winkel loswerden wollte. Das wollten die meisten. Interessant war aber eher der rote Winkel, weil der für politische Häftlinge stand und diese auch die Macht in den Lagern ausgeübt haben und auch hohe soziale Prestige genossen. Dass jemand den gelben Winkel stattdessen haben wollte, da bin ich eher skeptisch, denn auch die Juden hatten keinen guten Status. Sie waren zwar eine größere Gruppe und konnten sich deswegen besser organisieren, denn es brauchte auch eine ausreichend große Anzahl, um Macht ausüben zu können.

Gleichzeitig ist auch der Schutz untereinander in einer größeren Gruppe mehr gegeben. Das Problem der Homosexuellen war, dass es nur ganz wenige Häftlinge gab im Lager. In Buchenwald zum Beispiel gab es über 100.000 Häftlinge, die Anzahl der Homosexuellen lag aber irgendwo zwischen 30 und maximal 80 Personen, verteilt auf verschiedene Baracken. Das heißt, sie hatten gar keine große Chance, sich untereinander solidarisch zu organisieren. Auch war natürlich die Gefahr für jüdische Häftlinge, in Vernichtungslager deportiert zu werden, viel größer als für homosexuelle Häftlinge.

Dr. Zinn, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Sarah Tekath.

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Pride – LGBTQ+ Bewegung

Happy Pride! Doch was bedeutet Pride eigentlich für die LGBTQ+ Community und welche Bedeutung hat dieser Begriff? Warum verwenden wir die Abkürzung LGBTQ+? Und warum ist ein Coming-out so wichtig und immer noch notwendig?

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Gedenken an LGBTQ+ Opfer zum jährlichen Holocaust Gedenktag

Mit diesem Interview möchten wir an die wichtigen, und leider doch zu oft vergessenen Geschichten der schwulen aber auch aller anderen Opfer des Holocaust erinnern. Der internationale Gedenktag, der jedes Jahr am 27. Januar stattfindet, wurde nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, dem größten Konzentrations- und Todeslager der Nazis, eingeführt. Historiker beziffern die Zahl der Todesopfer von Juden und anderen Gruppen, darunter ethnische Polen, sowjetische Zivilisten und Kriegsgefangene, Roma, Behinderte, politische und religiöse Dissidenten, auf über 11 Millionen.

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Karl & Daan.

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